Ein Staatsoberhaupt der besonderen Art

70 Jahre ist es her, dass der erste Bundespräsident in Bonn gewählt wurde. Anlässlich dieses runden Jahrestags wurde der Geschichtskurs von Herrn Breitschwerdt am 12. September 2019 in das Rathaus in Stuttgart eingeladen, um dort dem jetzigen Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, zuzuhören.

Im Jahr 1949 wurde der erste Bundespräsident, Theodor Heuss gewählt, doch an diesem Tag änderte sich für die Bevölkerung nichts. Spuren der Hungerjahre auch nach dem Kriegsende und eine ungewisse Zukunft bedrückten das Gemeinwohl.

So galt es für den Ehemann von Elly Heuss-Knapp sein Amt zu erfinden und mit politischer Bedeutung zu füllen; denn bisher gab es den Posten des Bundespräsidenten nicht. Außerdem: was sollte Heuss denn repräsentieren? Ein Deutschland, welches nur wenige Jahre zuvor Massenmorde begangen hatte?
Nein, so ging das natürlich nicht!

Er entschied sich dafür, als Erzieher zur Demokratie nach innen zu fungieren, Vermittler, Ermunterer und eine ausgleichende Kraft für die junge Demokratie zu sein. Er knüpfte an die besten Traditionen Deutschlands an und versuchte durch die Idee einer Nationalhymne, einer einheitlichen Flagge und durch die Vergabe des Bundesverdienstkreuzes eine Einheit zu schaffen, die in den Herzen der Menschen verankert sein sollte.

Er brachte den Menschen das Grundgesetz nahe, lebte zivile Liberalität vor und versuchte somit das Ansehen der Deutschen zu restaurieren. Heuss war sehr volkstümlich und wurde liebevoll „Papa Heuss“ genannt, somit gewann er schließlich das Vertrauen des Volkes und auch das Vertrauen anderer Staatsoberhäupter. Heuss repräsentierte, in seinen zehn Jahren als Bundespräsident, also doch unser Land bei diversen Staatsbesuchen, gab öffentlich die Verbrechen der Deutschen zu und redete den Deutschen ins Gewissen.

Heuss lebte zeitweise mit seiner Frau Elly Heuss-Knapp und Kind in einer Wohnung in der Lerchenstraße in Heilbronn. Dass er es soweit brachte, schrieb Heuss auch der Sozialisation in seiner Heimatstadt zu: „Was Heilbronn mir gegeben hat? Demokratie als Lebensform, dass ist das Erbe dieser Stadt.“

— Lilly-Sophie Marquardt, Kl. 12

Im Anschluss an den Vortrag wurde aus dem Briefwechsel des Bundespräsidenten mit der Bevölkerung vorgelesen. Heuss nahm in seinen Antworten kein Blatt vor den Mund und verbat sich, zwar immer stilvoll, dennoch deutlich, jegliche Belehrung, z.B., wenn es um das Eingeständnis deutscher Schuld ging. Damit war er Vorreiter in ein einer Zeit, in der ein Großteil lieber den berühmt-berüchtigten Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit gezogen hätte. Aber auch zu weniger umstrittenen Themen nach Heuss, der jeden Brief beantwortete, Stellung, sei es Fußball oder auch Weingenuss, ein Thema, das Heuss früh begleitete, wurde er doch mit einer Arbeit über den Weingärtnerstand in Heilbronn promoviert.

Der Empfang beim Bundespräsidenten war aber nur der erste Teil dieses „Heuss-Tages“. Danach bekam der Kurs eine Führung durch das Wohnhaus des Bundespräsidenten, dass dieser sich als Altersruhesitz auf dem Stuttgarter Killesberg errichten ließ, gut schwäbisch mit einem Wüstenrot-Bausparvertrag. Neben drei original eingerichteten Wohnräumen, darunter das Arbeitszimmer mit beeindruckender Bibliothek, beherbergt die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus ein kleines, aber feines Museum mit vielen original-Exponaten zu Theodor Heuss und Elly Heuss-Knapp. Die Begegnung mit dieser persönlichen Seite des Politikers rundete den Tag optimal ab.

— Jens Breitschwerdt