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Kindheit und Jugend in der DDR – Zeitzeuge Mario Röllig am Elly

„Für Demokratie müsst ihr eintreten, sonst wacht ihr eines Tages auf und lebt in einer Diktatur – ohne dass ihr das gewollt habt.“ Mit viel Engagement beendet DDR-Flüchtling und Stasi-Opfer Mario Röllig seinen 90-minütigen Vortrag vor 100 tief beeindruckten Zwölftklässlern in der Mensa des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums.

Kein Laut war zu hören, als der 1967 in Ost-Berlin geborene Röllig aus seinem Leben in einem totalitären System erzählt. Er habe am Müggelsee eine wunderschöne Kindheit verbracht, auch so manche Lehrer erlebt, „die uns zu denkenden Menschen machen wollten“. Aber von diesen Wenigen abgesehen, habe der offizielle Lebensbereich vor der elterlichen Haustür begonnen.

Befremdliches weiß der 58-jährige zu erzählen, z.B. von der Schulsportdisziplin „Handgranatenweitwurf“ für Zweitklässler oder einem öffentlichen Tadel wegen eines getragenen T-Shirts mit dem Bild des 74er WM-Kapitäns Franz Beckenbauer darauf. „Ich habe danach lange nicht verstanden, was daran politisch gewesen sein soll“, sagt er heute. Völlig unverständlich äußert er sich, wenn heute einzelne Aspekte des Lebens in der DDR verharmlost werden. Ein Schulsystem, welches Eltern von kritisch fragenden Schülern vorlädt und mit Karriereverlust droht, ein Recht auf Arbeit, das aber auch gleich eine Pflicht zur Arbeit beinhaltet und mit zwei Jahren Haft droht, wenn es nicht möglich ist, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden. „Was macht ihr, wenn ihr, nur weil bereits eure Eltern studiert haben, nach Klasse 10 die Schule verlassen müsst und euch in einem Zwangssystem keine Lehrstelle offen steht?“ Mit diesen Fragen und ehrlichen Aussagen zu seinem Leben als homosexueller Restaurantfachmann fasziniert der Berliner das Interesse seiner Zuhörer zu einer unvergesslichen Geschichtsstunde.

In die Fänge der Staatssicherheit geriet Röllig 1985, als er eine Beziehung zu einem West-Berliner Politiker begann. Obwohl als Kellner bestens bezahlt – gab es doch kaum Restaurants im angeblichen Arbeiter- und Bauernstaat – versuchte er im Sommer 1987 über Ungarn nach Jugoslawien zu fliehen. Druck und Schikanen waren für den nicht Kooperationswilligen unerträglich geworden. „Meinen damaligen Freund hätte ich niemals verraten“, sagt er, obwohl ihm ohne die übliche Wartezeit von acht bis zehn Jahren Auto und Wohnung angeboten worden waren. 100 Meter vor der Freiheit wurde er von ungarischen „Kopfgeldjägern“ mit Schüssen gestoppt, gefoltert und in Isolationshaft gehalten. „Für diese Schweine keine Tränen!“, berichtet er, auch heute noch tief bewegt, wenn er von seiner fürchterlichen Zeit im Berliner Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen erzählt. „Bis heute bin ich der Bundesrepublik dankbar, dass sie 90.000,00 D-Mark für mich bezahlt hat, damit ich frei kam und im März 1988 endlich die DDR verlassen konnte.“

Heute fungiert Mario Röllig als Zeitzeuge an Schulen und öffentlichen Einrichtungen, führt Besucher durch Hohenschönhausen, gehört dem Vorstand der Berliner CDU an und ist in diversen gemeinnützigen Organisationen tätig. „Dass von diesen Kerlen sich auch nach 1989 niemand für seine Untaten entschuldigen konnte, das verstehe ich bis heute nicht“, sagt er kopfschüttelnd zum Schluss.